Detail der Decke mit Stuck im Vagantenkabinett im Neuen Schloss Tettnang

Fahrendes Volk im Schloss

Das Vagantenkabinett

Das Vagantenkabinett von Tettnang ist einmalig – Vergleichbares gibt es in keinem anderen Schloss Deutschlands. Die ausdrucksstarken Porträts an den Wänden zeigen sogenannte Vaganten: Spielleute, Schausteller, Händler, Handwerker, die die Plätze und Straßen der Städte bevölkerten.

Blick in das Vagantenkabinett des Neuen Schlosses Tettnang

Vaganten bevölkern die Wände.

Lebendige Porträts

Das Vagantenkabinett schließt direkt an das Fürstenzimmer an. Beide Räume sind Teil des Gästeappartements, in dem die wichtigsten Gäste wohnten. Die Ausstattung des Vagantenkabinetts ist eine Rarität. An den Wänden sind neun große Gemälde angebracht, die Vertreter des fahrenden Volkes zeigen: die Marketenderin, das Drehorgelmädchen, den Kesselflicker, den Guckkastenmann. Gemalt hat die lebendigen Porträts der Langenargener Künstler Andreas Brugger um 1770.

Kamin im Vagantenkabinett im Neuen Schloss Tettnang; Foto: Dietz

Der Kamin.

Originelle Themenwahl

Das Bild des Kesselflickers zeigt einen zerlumpten Mann mit Gerätschaften zum Kesselflicken. Warum wird dieser Mann im Schloss porträtiert? Der Adel empfand solche Darstellungen des „gemeinen Volkes“ als originell und schätzte sie als Gegengewicht zur überfeinerten höfischen Welt – um eine Abbildung der Lebenswirklichkeit von Wanderhandwerkern ging es ihnen dabei jedoch nicht.

Gemälde einer Marketenderin von Andreas Brugger, um 1770, aus dem Vagantenkabinett im Neuen Schloss Tettnang

Rundum versorgt.

Das Ein-Frau-Unternehmen

Ihre Kopfbedeckung, der Dreispitz, verweist auf einen militärischen Zusammenhang: Die Marketenderin gehörte nämlich in den Söldnerheeren zum Tross, der den Soldaten folgte. Als selbstständige Händlerin betrieb sie einen fahrbaren Kaufladen, mit dem sie für das leibliche Wohl der Soldaten sorgte. Außerdem kümmerte sie sich um alle Dinge des täglichen Lagerlebens, kochte, flickte, wusch und versorgte die Kranken. Manchmal leistete sie auch Liebesdienste, woher ihr zweifelhafter Ruf rührte.

Die Attraktion auf dem Jahrmarkt

Auf den Jahrmärkten hatte der Guckkastenmann sicher den größten Zulauf. Auf dem Gemälde von Andreas Brugger ist er von einer Gruppe neugieriger Mädchen umgeben. Für sie war es eine Sensation, wenn im dunklen Kasten ein Bild auftauchte. Der Guckkasten enthielt ein Panorama und ein Loch auf der Frontseite gab den Blick frei auf bunte Bilder mit Neuheiten und Merkwürdigkeiten aus aller Welt. Auch der Adel schätzte solche optischen Spielereien.

Gemälde eines Guckkastenmannes von Andreas Brugger, um 1770, aus dem Vagantenkabinett des Neuen Schlosses Tettnang

Szene aus dem Vagantenkabinett.

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